Wenn Tiere sterben müssen

"Bello", der neun Monate alte Schäferhund, umkreist sein Frauchen laut kläffend und schwanzwedelnd in freudiger Erwartung des bevorstehenden Spaziergangs. Die junge Dalamatinerhündin "Gina", gerade zum ersten Mal läufig, muss, wenn auch zu ihrem Ärger, angeleint den nachmittäglichen Spaziergang mit ihrem Herrchen in Angriff nehmen.
Einige Minuten später erspäht "Bello" auf der anderen Strassenseite seine Freundin "Gina". Kein Schreien und Rufen seitens seines Frauchens kann "Bello" vom Überqueren der nur selten befahrenen Strasse abhalten. Seit heute morgen hat er "Gina" nicht mehr gesehen, und da kann doch sein Frauchen nicht erwarten, dass er diese ungefährliche Strasse nicht überquerte und "Gina" erst auf der Wiese beschnüffle. Nein, solange Zeit hat er nicht.
Das mit überhöhter Geschwindigkeit in seinem Rücken auftauchende Auto nimmt "Bello" nicht mehr wahr. Das Quietschen der bremsenden Räder und der heftige Schlag ist das letzte, was "Bello" in seinem kurzen Leben noch zur Kenntnis nimmt.
Für viele Leute ist dies nur gerade ein Hundeleben, das unvermittelt beendet wurde. Doch für die Besitzerin von "Bello" nimmt eine Welt voller erfüllter Gefühle und Zukunftsträume eine jähes Ende. Unerträgliche Trauer und quälende Selbstvorwürfe bleiben beim Tod eines Tieres oft als einziges zurück.

Wenig Verständnis

Der Verlust eines Tieres, egal, in welchem Alter und unter welchen Umständen, kann zu grossen seelischen Schmerzen bei den betroffenen Besitzern führen. Häufig werden solche Schmerzen noch durch den Umstand verstärkt, dass die betroffenen Besitzer in ihrem Umfeld auf wenig oder gar kein Verständnis stossen. Denn für viele Menschen hat ein Tierleben nicht den Stellenwert, den es für die meisten Tierbesitzer einnimmt: Für sie sind der Hund, die Katze Lebewesen mit einer Psyche und Gefühlen.
Tiere zeigen uns ihre Liebe und Gefühle ungetrübt, ohne Erwartungen, Forderungen oder Missgunst. Auch wenn das Gesetz Tiere leider nach wie vor auf die gleiche Stufe wie eine Ware stellt, haben die Tiere Anspruch auf unsere Liebe und unseren Schutz. Und wir haben das Recht, unsere zu lieben, und gegebenenfalls auch das Recht, um sie zu trauern.
Uns Tierärzte wurde das Recht anerkannt, Tiere von ihrem Leiden zu erlösen. Bei unbehandelbaren Schmerzen oder einem nicht mehr von Lebensqualität zeugenden Dasein sind wir sogar verpflichtet, die betroffenen Besitzer auf ihre Pflichten gegenüber ihren hilflosen Schützlingen hinzuweisen.
Dennoch fällt es jedem von uns Tierärzten schwer, ein Tier von seinen Schmerzen, von seinem Leiden zu erlösen. Auch wir verspüren jedes Mal die Trauer und den Schmerz des betroffenen Besitzers. Wir kennen oftmals das Tier seit Jahren, empfinden es zu einem kleinen Teil auch als unseren "Besitz".

So einfühlsam wie möglich

Falls ein Tier eingeschläfert, euthanasiert, werden muss, geschieht dies mit einem überdosierten Narkosemittel. Jeder Tierarzt wird so schonend und so einfühlsam wie nur möglich ein solche Handlung ausführen. Besitzer jedoch, die ihre leidenden Tiere aus rein egoistischer Denkweise behalten und mit oft sinnlosen Operationen oder Therapien noch zum Weiterleben zwingen wollen, sind bei fast allen von uns Tierärzten unwillkommen. Solche Besitzer fühlen sich daher auch recht häufig unverstanden und schlecht behandelt.

Dieser Artikel ist all jenen gewidmet, die ein Tier verloren haben. Und vielleicht erkennt auch der Gesetzgeber unseren Tieren einmal eine Seele und Gefühle an und betrachtet sie nicht bloss als eine Sache.

© Heinz Berli